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Kulturelle und interdisziplinäre Verständigung am Hackathon

30.04.2026 - 7 Min. Lesezeit

Portrait von Martin Heiniger

Martin Heiniger

Fachredaktion | Sozialinfo

Mehrere Personen arbeiten an Computern in einem Raum.

Der kürzlich zum fünften Mal durchgeführte «Hack4SocialGood» fördert Innovationen, baut Brücken zwischen Sozialer Arbeit und IT und trägt zur Verständigung über die Sprachgrenzen hinweg bei. Dabei hat die Verfügbarkeit von KI-Tools die Entwicklungsgeschwindigkeit deutlich erhöht.

Hack4SocialGood

Der «Hack4SocialGood» (H4SG) ist eine Veranstaltung im Format des Hackathons, an der kollaborativ digitale Lösungen für den Sozialbereich entwickelt werden.

Mit der Ausgabe 2026 hat der Hack4SocialGood die Sprachgrenze überschritten und wurde erstmals in der Westschweiz durchgeführt. Gastgeberin war die Haute École Neuchâtel Berne Jura (HE-Arc). Die Hauptverantwortliche für die Organisation, Maria Sokhn, berichtet, wie sie den H4SG erlebt hat.

Portrait von Maria Sokhn

Maria Sokhn

Professeure

HEG - Haute école de gestion Arc; Institut de Digitalisation des organisations

Maria, es war das erste Mal, dass du die Verantwortung für Hack4SocialGood übernommen hast. Wie war deine Erfahrung?

Maria: Ja, das war tatsächlich mein erster Hack4SocialGood. Aber ich war bereits in die Organisation anderer Hackathons eingebunden, sodass ich den Geist dieses Formats kenne. Und da es bereits die fünfte Durchführung war, konnte ich von den Erfahrungen und der Unterstützung der Community sowie deren Netzwerk profitieren. Ich musste also nicht bei Null anfangen, aber trotzdem gab es viel zu bedenken.

Bist du mit dieser fünften Ausgabe des H4SG zufrieden?

Maria: Es gibt immer Dinge, die wir verbessern können, aber ich denke, wir haben gute Arbeit geleistet. Es wurden zwölf Challenges eingereicht, an denen bis zu achtzig Teilnehmende gearbeitet haben. Wir haben zwar keine formale Evaluation durchgeführt, aber ich habe von vielen gehört, dass es für sie interessant und hilfreich war. Deshalb bin ich mit der Teilnahme und den Challenges zufrieden.

« Ich war überrascht zu sehen, dass Hackathons im französischsprachigen Teil der Schweiz noch kein vertrautes Format sind. »

Portrait von Maria Sokhn

Maria Sokhn

Gab es Teilnehmende, die keine Vorerfahrung mit dem Hackathon-Format hatten?

Maria: Ja. Der H4SG fand zum ersten Mal im französischsprachigen Teil der Schweiz statt und ich war überrascht zu sehen, dass Hackathons dort noch kein vertrautes Format sind. Viele meiner Kolleg*innen aus dem Fachbereich Soziale Arbeit – sogar Professor*innen und Forschende – sind mit dieser Art der mehrtägigen multidisziplinären Zusammenarbeit nicht vertraut. Wir haben aber jetzt den Samen gesät.

Gab es genug Personen, um alle zwölf Challenges zu bearbeiten?

Maria: Natürlich erweckten einige Challenges mehr Interesse als andere, sei es wegen ihres Themas oder der Art, wie sie präsentiert wurden. Uns war aber wichtig, dass jede Challenge bearbeitet wird. Das konnten wir sicherstellen, auch wenn manche Gruppen nur aus wenigen Personen bestanden. Das war positiv, hatte aber auch einen Nachteil: Da einige Teilnehmende am zweiten Tag nicht mehr präsent sein konnten, waren manche der kleinen Gruppen dann etwas unterbesetzt.

Gab es Änderungen im Vergleich zu früheren Ausgaben des H4SG?

Maria: Nicht grundsätzlich, trotzdem gab es einige Unterschiede. Die Durchführung im französischsprachigen Teil der Schweiz bedeutete, dass wir nicht vollständig auf den Erfahrungen der früheren Ausgaben und vom Netzwerk der deutschsprachigen Community profitieren konnten. Für einige der Teilnehmenden war zudem die französische Sprache eine grosse Hürde. Ich hatte deshalb darum gebeten, in den Plenarsitzungen auf Englisch zu sprechen, was aber auch nicht allen Teilnehmenden möglich war.

Es gibt die Kritik, dass Hackathons unbezahlte Arbeit ersetzen, die eigentlich bezahlt werden sollte. Was hältst du von diesem Argument?

Maria: Grundsätzlich ist das eine berechtigte Kritik. Allerdings denke ich, dass die Teilnehmenden stattdessen vom Networking, der Erfahrung und dem Teilen von Wissen in einer interdisziplinären Community profitieren. Zudem entstehen in diesen zwei Tagen keine fertigen Projekte, sondern bloss Ansätze, die anschliessend weiterentwickelt werden müssen. Das erfordert jedoch eine bestimmte Denkweise, die nicht jede*r teilt.

Hat sich im Vergleich zu früheren Jahren durch die Verfügbarkeit von KI-Tools etwas an den Projekten bzw. an den Lösungen geändert?

Maria: Ja, definitiv. Aus früheren Hackathons weiss ich, dass die Entwicklung von Prototypen und die Vorbereitung der Präsentation sehr zeitintensiv waren – normalerweise nahm das 50-60 Prozent der verfügbaren Zeit in Anspruch. Durch KI-Tools wurde dieser Anteil auf etwa 10-20 Prozent reduziert. Dadurch hatten die Teilnehmenden mehr Zeit zum Nachdenken, Skizzieren und Designen. Sobald die Idee klar war, konnten Prototyp und Präsentation schnell umgesetzt werden. Manche Teams hatten sogar noch Zeit, ihren Prototypen zu verfeinern.

Beispiel 1: KI-Tools zur Unterstützung der beruflichen Reintegration

Der H4SG schliesst jeweils mit einer Auszeichnung der erfolgreichsten Challenges. Wir stellen die beiden Siegerprojekte kurz vor und lassen die Verantwortlichen von ihren Erfahrungen berichten.

Das erste Beispiel kommt von der Fondation Emploi Solidarité aus Fribourg. Mit ihrer Massnahme «Coup d’Pouce» bietete sie Stellensuchenden Weiterbildungen im Rahmen ihrer Aktivitäten im Bereich der Kreislaufwirtschaft an. Die Qualifizierung durch praktische Arbeit in Ateliers soll in Zukunft mit Blended Learning-Aktivitäten im Bereich der Soft Skills kombiniert werden.

Jens Rogge, Geschäftsführer der Fondation Emploi Solidarité, hat die Challenge eingereicht.

Challenge «L'IA comme facilitateur de réinsertion et non comme risque»

Die Challenge von «Coup d’Pouce» bestand aus drei Zielen:

  • KI-Tools sollen Fachpersonen bei der Entwicklung leicht verständlicher Videosequenzen (idealerweise direkt in den Muttersprachen der Teilnehmenden: Portugiesisch, Albanisch, Spanisch, Italienisch etc.) und der Strukturierung der Weiterbildungen unterstützen, damit etwa die Lernerfolge nachverfolgt und mittels Zertifikaten nachgewiesen werden können.
  • Mittels KI-Tools sollen die zunehmenden administrativen Anforderungen an die Arbeitsagogen abgefedert werden, um mehr Zeit für die Begleitung und Qualifizierung der Stellensuchenden zu haben.
  • KI-Tools sollen dazu beitragen, Hürden in der Zusammenarbeit mit den Stellensuchenden abzubauen. Durch Verringerung sprachlicher Hürden kann das Verständnis für die Anforderungen und Aufgabenstellung erhöht und Fehler reduziert werden. Bei Hürden aus gesundheitlichen Gründen können KI-Tools sowohl den Arbeitsagogen und Job Coaches der Stiftung, als auch den Teilnehmenden helfen.

Zur Challenge

Jens, was hat euch zur Teilnahme am Hack4SocialGood bewogen?

Jens Rogge: Ich hatte ursprünglich vor, unser Projekt mit einem externen Partner umzusetzen und hatte deshalb schon viele Vorüberlegungen dazu gemacht. Die Finanzierung wäre aber erst nächstes Jahr möglich gewesen, und das wäre weder für unsere Teilnehmenden noch unsere Mitarbeitenden motivierend gewesen. Der Hack4SocialGood hat uns die Chance geboten, unsere Idee in einem klaren, zeitlich begrenzten Rahmen gemeinsam mit anderen weiterzuentwickeln.

Portrait von Jens Rogge

Jens Rogge

Geschäftsführer

Fondation Emploi Solidarité, Fribourg

Wie lief die Zusammenarbeit im Challenge-Team?

Jens: Die Zusammenarbeit funktionierte sehr gut. Wir hatten das Glück, dass in unserem Challenge-Team viel relevante Erfahrung zusammenkam. Nebst mir und einer weiteren Mitarbeitenden unserer Organisation nahmen zwei IT-Masterstudenten der Hochschule von Neuchâtel teil. Sie waren sehr interessiert und hatten teilweise bereits viel Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Kantonen und Organisationen. Das hat die Übersetzung ins Technische erleichtert und half uns, schnell und effizient eine den Rahmenbedingungen angemessene Lösung zu erarbeiten.

Welche konkreten Resultate liegen nun vor?

Jens: Das Challenge-Team hat ein Tool entwickelt, das unseren Arbeitsagog*innen hilft, die Weiterbildungen zu strukturieren, die Entwicklung und Lernerfolge der Teilnehmenden einfach und zielgerichtet zu begleiten und die Zertifikate automatisiert zu erstellen. Dieses liegt in Form eines betriebsbereiten Protoypen vor, den wir im Rahmen eines Pilotprojekts direkt im Alltag testen und dann als Basis für die endgültige Programmierung verwenden können. So wird die endgültige Umsetzung viel schneller und vor allem kostengünstiger erfolgen, als wenn wir das gesamte Projekt einem externen Partner anvertraut hätten. Die weiteren Teile des Projekts konnten wir aufgrund der Kürze der zur Verfügung gestellten Zeit nicht im Detail bearbeiten. Hier wissen wir aber nun einerseits besser, wie wir die Fragestellungen formulieren können, andererseits hat uns das Challenge-Team auch ein Follow-up angeboten, um den Prototypen endgültig zu implementieren und uns parallel bei den anderen Teilprojekten zu unterstützen.

« Wir sind verblüfft, über welches technische Knowhow die Studierenden und Spezialist*innen verfügen. Es hat länger gedauert, die Challenge zu erklären als eine erste Lösung zu erarbeiten. »

Portrait von Jens Rogge

Jens Rogge

Bist du zufrieden mit dem, was erreicht wurde?

Jens: Wir sind sehr zufrieden und auch verblüfft, was heute alles möglich ist und über welches technische Knowhow die Studierenden und Spezialist*innen verfügen. Es hat länger gedauert, die Challenge zu erklären als eine erste Lösung zu erarbeiten. Das Challenge-Team hat hier wirklich hervorragende Arbeit geleistet, für die wir Wochen oder sogar Monaten gebraucht hätten. Andererseits hätten wir natürlich mit einem grösseren Challenge-Team und mehr Zeit auch an den anderen Teilbereichen unserer Challenge arbeiten und so noch etwas weiter vorankommen können.

Gibt es auch negative Erfahrungen mit dem Anlass?

Jens: Die einzige negative Erfahrung war, dass uns als Nicht-Techniker die Tools zum Hochladen der Challenge etwas überfordert haben. Hier haben wir Zeit verloren, die wir lieber in die Vorbereitung der Inhalte investiert hätten.

Könnten auch andere Organisationen von eurer Entwicklung profitieren?

Jens: Absolut. Im Kanton Fribourg sind wir vier Organisationen, die an Projekten der Qualifizierung von Personen mit lange zurückliegender oder geringer Bildungserfahrung arbeiten und Lösungen entwickeln. Wenn alle dasselbe Tool einsetzen würden, statt dass alle ein eigenes entwickeln, könnten die Kosten stark reduziert werden.

Euer Challenge-Team hat ein KI-Tool entwickelt. Wie geht ihr mit kritischen Themen wie Datenschutz um?

Jens: Bis jetzt waren wir sehr zurückhaltend mit dem Einsatz von KI- Tools. Wir nutzen zwar z.B. ChatGPT, aber aufgrund der Datenschutzproblematik immer anonymisiert. Lösungen zu finden, die unseren Anforderungen etwa in Bezug auf Datenschutz entsprechen, ist eines unserer grossen Anliegen. Damit werden wir uns auch bei unserem aktuellen Projekt noch weiter befassen.

Welche Empfehlung gibst du anderen Organisationen, die sich eine Teilnahme überlegen?

Jens: Wir haben uns vorab viel Zeit dafür genommen, die Herausforderungen und die Challenge möglichst genau auszuarbeiten. Das war ein grosser Vorteil, denn es hat uns gezwungen zu klären, wie man die Ideen wirklich im Alltag umsetzen kann – ohne die technischen Möglichkeiten zu kennen. Die zweite Empfehlung ist, keine Angst zu haben, sich anzumelden, weil man sich noch keine Lösung vorstellen kann. Für die technischen Details stehen dann Fachpersonen zur Verfügung. Man muss nur gut erklären können, was man braucht, das kann im Prinzip jede Organisation. Der Hack4SocialGood ist daher gerade auch für kleinere Organisationen interessant.

Beispiel 2: Personalisierte Orientierung für Migrant*innen

Neuangekommene Migrant*innen sind mit vielen fragmentierten Informationen konfrontiert. Dies erschwert ihre Integration und die Begleitung durch Fachpersonen.

Julien Reichenbach, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HE-Arc, brachte zwei Themen ein, die im Zusammenhang mit einem gemeinsamen Projekt der HE-Arc und dem «Service de la cohésion multiculturelle» (COSM) stehen. Eine der beiden Challenges wurde prämiert.

Challenge «Navigation Engine for Immigrants»

Am H4SG sollte ein Prototyp kreiert werden, der ermöglicht, individuelle Bedürfnisse der Nutzer*innen zu analysieren und angepasste Integrationsschritte zu empfehlen. Dazu soll das System verschiedene Dimensionen wie Sprache, Bildungsniveau, Aufenthaltsbewilligung und Berufserfahrung berücksichtigen.

Ziel der Challenge war, verschiedene technische Herangehensweisen zu explorieren, etwa Modelle der Empfehlung, Entscheidungsbäume oder Sprachassistenten. Damit soll gezeigt werden, wie ein digitales Hilfsmittel die Autonomie der Betroffenen stärken und die Arbeit von Fachpersonen unterstützen kann.

Zur Challenge

Julien, was war euer Ziel beim Hack4SocialGood?

Julien Reichenbach: Das Projekt soll eine Informationsplattform für die berufliche Eingliederung von Neuankömmlingen – also Personen, die frisch im Kanton Neuenburg angekommen sind – bereitstellen. Wir waren neugierig, welche Vorschläge die Teilnehmenden des H4SG für eine intelligente Suchmaschine und für zielgruppenspezifische Oberflächen machen würden.

Portrait von Julien Reichenbach

Julien Reichenbach

Collaborateur Scientifique

HEG - Haute école de gestion Arc; Institut de Digitalisation des Organisations (IDO)

Warum ist ein Format wie der H4SG für die Entwicklung solcher Projekte geeignet?

Julien: Fachleute aus dem Feld, die wenig mit Digitalem vertraut sind, erkennen oft nicht das Potenzial digitaler Werkzeuge. Gleichzeitig kennen Technologie-Expert*innen meist die Realitäten vor Ort nicht gut. Hackathons – insbesondere solche, die Akteur*innen aus der Praxis einbinden, wie es beim H4SG der Fall ist - ermöglichen es, beide Welten zu verbinden und begünstigen dadurch die Entstehung innovativer Ideen.

Wie verlief die Kommunikation zwischen den verschiedenen professionellen Gruppen?

Julien: Sehr natürlich. Alle Teilnehmenden waren motiviert und ich glaube, die Ergebnisse haben die meisten Projektträger*innen zufriedengestellt. Ich konnte während der Mahlzeiten sehr interessante Diskussionen mitverfolgen – diese Pausen sind ein zentraler Bestandteil solcher Events für das Netzwerken.

Bist du mit dem Erreichten zufrieden?

Julien: Absolut. Eines der Themen, das ich vertreten habe, gewann den Preis für die beste Umsetzung, und wir nutzen den entstandenen Prototypen derzeit für unser Projekt weiter. Natürlich ist nicht alles perfekt, weil die verfügbare Zeit den Teams nicht erlaubt, vollständige Lösungen zu liefern, aber es ist eine hervorragende Basis, um etwas Robusteres aufzubauen.

« Das Team, das während des H4SG gearbeitet hat, hat uns Zeit gespart und einen innovativen Blick auf unsere Problemstellungen ermöglicht. »

Portrait von Julien Reichenbach

Julien Reichenbach

Welche Ergebnisse wurden bisher erzielt?

Julien: Für unser Thema konnten wir funktionierende Oberflächen und diverse Schlüsselinformationen gewinnen, unter anderem Lebenszyklus-Strategien für die Daten, auf denen unser Projekt aufbaut. Wir hatten bereits Hypothesen und einige grobe Mock-Ups, doch das Team, das während des H4SG gearbeitet hat, hat uns Zeit gespart und einen innovativen Blick auf unsere Problemstellungen ermöglicht.

Könnten andere Organisationen ebenfalls von eurer Entwicklung profitieren?

Julien: Ja, beispielsweise die mit dem COSM vergleichbaren Dienste anderer Kantone, die mit ähnlichen Fragestellungen in Bezug auf die Erstinformation von Neuankömmlingen konfrontiert sind.

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